Was passiert, wenn ein System mit seinem eigenen Output konfrontiert wird? Steering through the Inner Residue geht dieser Frage nach, indem erzeugte Bilder wieder als Input eingespeist werden und der Bildprozess so seiner eigenen Spur folgt.
Künstliche Intelligenz wird oft als Blackbox beschrieben: Trotz klar definierter Ein- und Ausgaben bleiben ihre inneren Mechanismen undurchsichtig. Bildgenerierungen beginnen normalerweise mit einer Textbeschreibung (Prompt), die menschliche Absichten und Erwartungen widerspiegelt. Hier wird dieser Ablauf unterbrochen: Der Text wird vollständig weggelassen, und die Maschine wird iterativ mit ihren eigenen Bildern gelenkt – menschliche Erwartungen werden durch die der Maschine ersetzt.
Rekursion beschreibt einen Prozess der Schleife; anders als bei der Wiederholung weicht jede Iteration leicht von der vorherigen ab, wie eine Spirale, die lineare Kausalität überschreitet und an unbekannten Koordinaten ankommt. Das Wesen der Rückkopplung ist, dass das Entstehende grundsätzlich kontingent und situativ ist – so wie ein Mikrofon vor einem Lautsprecher, dessen schrilles Feedback die Akustik des Raums ebenso hörbar macht wie die mechanische Handschrift der Elektronik.
In seinem Werk I Am Sitting in a Room (1969) nimmt der US-amerikanische Klangkünstler Alvin Lucier sich beim Lesen eines kurzen Textes auf, spielt die Aufnahme im Raum ab und nimmt sie zugleich erneut auf. Der Vorgang wird wiederholt, bis sich die Resonanzen des Raums verdichten und die Sprache allmählich verschwindet. Das verschwommene Summen der letzten Aufnahmen ist jedoch nicht bloß Rauschen, sondern die Anhäufung von Nachhall – ein Rückstand des Raums. Der rekursive Prozess macht das Darunterliegende sichtbar: Er vermisst den Raum akustisch und übersetzt ihn in Hörbares. Ähnlich lässt sich mit künstlicher Intelligenz verfahren: Die Rückkopplung navigiert durch das System der Bildgenerierung und öffnet einen Spalt, der sein Inneres zeigt.
Die Bildflächen gleichen einer aufgefalteten Schachtel; jede Fläche trägt den Nachhall des Prozesses, eine Landschaft eigener Muster, die allein aus den Verfahren hervorgeht. Farben driften in übersättigte Töne, Formen zerfallen in Musterschichten, Bedeutung zerfällt zu Rauschen. Was sich mit der Zeit ansammelt, ist kein Bild, sondern ein Prozess: ein algorithmisches Artefakt, ein Rückstand, der auf nichts verweist als auf den Prozess selbst.
Artists and Developers: Ting-Chun Liu, Leon-Etienne Kühr
Photo Documentation: Jakob Dieckmann, Günzel/Rademacher, Ting-Chun Liu
Video Documentation: Ting-Chun Liu, Leon-Etienne Kühr